Geschichte

Meute

Wenn von Jugendopposition oder Jugendwiderstand während der NS-Zeit die Rede ist, so fallen auch heutzutage meist nur die Schlagworte »Weiße Rose« aus dem bürgerlich-studentischen Milieu und die westdeutschen »Edelweißpiraten« aus dem proletarischen Spektrum. Gelegentlich ist auch von den Swing-Kids (besonders für Hamburg) die Rede. Dennoch tendiert das Allgemeinwissen über nonkonformes Verhalten von Jugendlichen im »Dritten Reich« in der Regel gegen Null. Bei der näheren Betrachtung müssen zwei Fakten vorausgeschickt werden: Jugendopposition gegen das Zwangssystem der HJ bzw. allgemein gegen das NS-System gab es zu jeder Zeit und in nahezu jeder Stadt im damaligen Deutschland. Aber: trotzdem blieben nonkonformes oder gar Widerstandsverhalten unter Jugendlichen (wie unter Erwachsenen) stets eine Ausnahme und wurde nur von einer Minderheit praktiziert.

Leipzig zu Beginn der 30er Jahre

Leipzig war zu dieser Zeit die fünftgrößte Stadt in Deutschland und ein internationales Industrie‑ und Handelszentrum. Neben einem selbstbewussten und eher konservativen Bürgertum gab es in der Stadt eine breit organisierte linke Arbeiterbewegung. Diese proletarischen Strukturen wurden 1933 nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten alsbald mittels Polizei und SA-Terror zerschlagen bzw. aus der Öffentlichkeit gedrängt. Auch sämtliche Jugendorganisationen fielen den Verboten zum Opfer.

Die Hitlerjugend wurde im Sommer 1933 zur alleinigen Jugendorganisation erklärt. Die Mitgliedschaft in der HJ war jedoch bis 1939 offiziell freiwillig, wenn auch ab 1936 besonders die Volksschüler massiv zum Eintritt ins Jungvolk gedrängt wurden. Doch zahlreiche Jugendliche, die vor 1933 in proletarischen Jugendorganisationen Mitglieder waren, entzogen sich den Werbungen der HJ und gestalteten ihre Freizeit ausschließlich nach ihren eigenen Vorstellungen.

Die Leipziger Meuten

So kam es, dass sich ab Mitte der 30er Jahre in Leipziger Stadtteilen an verschiedenen öffentlichen Plätzen wilde Cliquen bildeten. Gemeinsam war ihnen, dass sie die HJ ablehnten und eine selbstbestimmte und ungezwungene Freizeit verbringen wollten. Viele Mitglieder dieser »Meuten« waren vor 1933 in einer der sozialdemokratischen oder kommunistischen Kinder‑ und Jugendverbänden organisiert gewesen. Andere kamen aus Bündischen und Pfadfindergruppen. Um sich auch optisch von der HJ zu unterscheiden, entwickelte sich mit der Zeit ein eigener Dresscode, der sich aus der früheren Wanderbewegung, linkssozialistischen Jugendgruppen und der Bündischen Jugend speiste. Die Jungs trugen karierte Hemden, kurze Lederhosen mit Hosenträgern, weiße Kniestrümpfe und Wanderschuhe. Die Mädchen waren ähnlich gekleidet oder trugen ein Kleid bzw. Rock. Gelegentlich wurden auch rote Halstücher getragen, Totenkopfabzeichen oder die Initialen »BJ«, welche für »Bündische Jugend« standen. Es sind mittlerweile 20 Meuten namentlich bekannt, welche über ganz Leipzig verteilt waren. Darüber hinaus gab es eine unbekannte Anzahl von Gruppen, die bei der Gestapo nicht aktenkundig wurden.

Solche und solch ähnliche Totenkopfabzeichen wurden von den Meutenmitgliedern getragen.

Die bekanntesten Meuten sind »Hundestart« aus Leipzig-Kleinzschocher und die »Lille« aus Leipzig-Reudnitz mit jeweils etwa 40 Mitgliedern sowie die Meute »Reeperbahn« aus Leipzig-Lindenau mit bis zu 100 Mitgliedern. Diese drei Meuten agierten in den großen Leipziger Arbeitervierteln. Insgesamt gab es in Leipzig zwischen 1937 und 1939 bis zu 1.500 Jugendlichen, die Mitglied in einer Meute waren. Etwa ein Viertel bis ein Drittel waren Mädchen. Nahezu alle Mitglieder kamen aus dem Arbeitermilieu.

Neben den abendlichen Treffen fuhr man an Wochenenden gemeinsam mit dem Fahrrad in die nähere Umgebung zum zelten. Hierbei kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit der HJ, wobei die HJ oftmals den Kürzeren zog. Darüber hinaus verübten einige Meutenmitglieder Anschläge auf HJ-Heime und verteilten selbstgefertigte Streuzettel mit Aufschriften wie »HJ verrecke«. Diese antifaschistischen Aktivitäten nahmen solche Ausmaße an, dass die HJ-Führung sich in Berlin beklagte, dass in einigen Leipziger Stadtteilen sich HJler abends nicht mehr in Uniform auf die Straße trauen würden.

Die Zerschlagung der Leipziger Meuten

All diese Aktivitäten blieben der Gestapo nicht verborgen. Bereits 1937/38 gab es zahlreiche Ermittlungsverfahren gegen Meutenmitglieder, die jedoch zum Großteil mangels Beweisen von den Gerichten eingestellt wurden. Ende Oktober 1938 gab es schließlich – als Exempel gedacht – zwei Prozesse am Leipziger Volksgerichtshof wegen »Vorbereitung zum Hochverrat«, welche mit mehrjährigen Zuchthausstrafen endeten. Die erhoffte abschreckende Wirkung stellte sich jedoch nicht ein. Darum ging man 1939 dazu über, in zahlreichen Prozessen möglichst viele Meutenmitglieder abzuurteilen und ins Gefängnis zu stecken. Darüber hinaus richtete das Leipziger Jugendamt ein KZ‑ähnliches »Jugendschulungslager« ein, in dem Meutenmitglieder mehrere Monate lang »erzogen« wurden.

Wenn auch einige Meuten über den Sommer 1939 hinaus weiter existierten, so waren die Leipziger Meuten in ihrer bekannten Form zu diesem Zeitpunkt jedoch weitgehend zerschlagen. In der Folgezeit bildete sich spätestens ab 1942 in Leipzig eine – wenn auch zahlenmäßig kleinere – Generation von Jugendlichen heraus, die das NS-System ablehnte: Die Broadway-Cliquen. Aber das ist eine andere Geschichte…

Meyersdorfer Meute um 1943 aus dem Leipziger Südwesten

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